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Die Geschichte von Central Park ist lang und interessant - und wohl eine der ungewöhnlichsten der deutschen Rockszene:
Gegründet 1983, also mitten in der Rennaisance des Prog-Rock, die sich ab Anfang der 80er mit Bands wie Marillion, Asia, Saga und IQ wieder nahtlos an der Tradition der Ur-Bands aus den 60ern anreihte, spielte sich die Band bis zum Split 1989 "an die Spitze der deutschen Progrock-Liga" (Keys). Mit dem Ausstieg des Originalsängers, der sich musikalisch verändern wollte, kam nach sechs Jahren das plötzliche "Aus" obwohl der Vertrag mit dem Chrysalis-Label zur Unterschrift bereit lag. 17 Jahre später kam es dann 2006, eher zufällig und inspiriert von einem Yes-Konzert in München, zur völlig unerwarteten Reunion in Originalbesetzung – begleitet von der Veröffentlichung des CD/DVD-Doppeldeckers "unexpected" – das Debütalbum 23 (!) Jahre nach Bandgründung! Das enorme Medienfeedback machte Central Park nach dem Release von "unexpected" zur sichtbarsten deutschen Progband im Herbst 2006 in den hiesigen Magazinen und Zeitungen. Unter anderem gab es 3 Sterne vom Rolling Stone und selbst der Kultur Spiegel schrieb "Hipster Vincent Gallo hätte seine Freude am majestätischen Debüt".
Nach der Album-Veröffentlichung ging es wieder auf die Bühne: Als Opener für ex-Marillion-Sänger FISH auf seiner Deutschland-Tournee konnte die Band das Publikum ebenso in ihren Bann ziehen wie bei den Gastspielen auf der Loreley (Night of the Prog), beim Burg Herzberg Festival oder als Opener für die US-Kultband Pavlov’s Dog und die deutsch-holländische Formation subsignal.
Central Park ist ein Stück deutscher Prog-Geschichte. Und je mehr sich die Band von den Einflüssen ihrer frühen Vorbilder wie z.B. ELP, Yes, Genesis und Deep Purple entfernte, desto mehr eigene Handschrift spiegelt sich im zweiten Album wider. Als im Sommer 2010 die Ausnahmesängerin Jannine Pusch zu Central Park kam, war sie nicht nur die neue Frontfrau, sondern auch der Impuls für Veränderung und Weiterentwicklung. Ihre enorme Stimmvielfalt und ihre Vorliebe für härtere Klänge und Rhythmen waren für Jochen Scheffter, Keyboarder und musikalischer Kopf der Band, Inspiration und Herausforderung zugleich.
Wie selbstverständlich bewegt sich die Band zwischen rockigen und klassischen Welten und vereint beide Elemente auf den Punkt. Puschs bisweilen märchenhafte, meist aber mystische Texte, stimmlich variiert von "schwindelerregenden Sopran-Höhen" bis "intim-zurückgenommen", fließen mit den Kompositionen zu einer Einheit zusammen, die die Band anders klingen lässt als nach dem ersten Album vermutet.
Mit den 9 Songs ist der Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft gelungen. Daher wird "reflected" so manchen Fan überraschen, denn die Zutaten für den Longplayer haben es in sich: Hymnisches, Crimsoneskes, symphonisch Metallisches, Pathetisches und Futuristisches. In Szene gesetzt von den beiden Genannten, dem Gitarristen Hans Ochs mit seinem 6-Saiten-Facettenreichtum, dem Bassisten York von Wittern und dem Schlagzeuger Artur Silber, die zusammen als Rhythmusgruppe die komplette Bandbreite von "zart bis hart" beherrschen. Fünf Individuen, jeder Einzelne geprägt von unterschiedlichsten Einflüssen, jeder Einzelne mit seiner ganz eigenen Art zu sehen und zu fühlen. Jeder Einzelne angetrieben von unersättlicher Neugier, jedoch gemeinsam bereit zu schöpferischer Reflektion des Erlebten.
So wird beispielsweise der CD-Opener "GunsRus" zur wütenden Anklage gegen den Missbrauch von Kindern als Kindersoldaten. Die Band wurde im Rahmen eines UNICEF-Benefizkonzertes, bei dem sie 2009 auftrat, Zeuge der Erzählungen eines Betroffenen. Der gebürtige Angolaner Samuel Zombo berichtete von seinen Erlebnissen als 10-jähriger Kindersoldat in seinem Heimatland. Das hinterließ nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Central Park tiefe Spuren.
Inspiriert von Aniela Adams Gemälde begiebt sich die Band mit "Vision of Cassandra" erneut in die Tiefen der griechischen Mythologie. "Don’t look back" hieß die Sage von Orpheus und Eurydike auf dem "unexpected"-Album und wurde von den Kritikern als "Opus magnum" bezeichnet. "Vision of Cassandra" ist ein mehr als würdiger Nachfolger. Central Park verlegt die Vision vom Untergang Trojas aus der Antike in die moderne industrialisierte Welt.
Die akustische Malerei wird mit ihrer 21-minütigen Klangwelt aus Geräuschen, Sprachfetzen, brachialen Rhythmen und Puschs eindringlichem, teils liturgischem Gesang zum Sinnbild für den materiellen und spirituellen Irrweg. Ein Weg, der Zerstörung in sich birgt und zur Verkümmerung des Individuums führt. Apokalyptisches Breitwandkino für die Ohren!
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Original drawing "Vision of Cassandra" by Aniela Adams
Genreschranken? Mitnichten! "reflected" ist ein Statement gegen Massengeschmack, gegen den Gleichklang, gegen die Langeweile; ist Musik zum Fühlen – handgemacht und voller Energie. Und ist vor Allem Musik von Menschen, die die Freiheit genießen, ihre Persönlichkeit und ihre Seele in der musikalischen Schnittmenge ihres Lebens zu reflektieren. Der Albumtitel passt perfekt!
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